In Deutschland ist die durchschnittliche Lebenserwartung neugeborener Mädchen in den letzten 100 Jahren von ca. 51 Jahren auf 83,3 Jahre gestiegen, die der neugeborenen Jungen von etwa 47 Jahren auf 78,5 Jahre.

Durch die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen hin zu einer demokratischen Gesellschaft haben die Menschen nicht nur mehr Lebenszeit zur Verfügung. Sie sind in hohem Maße für ihr Leben selbst verantwortlich, und durch den strukturellen Wandel der Gesellschaft gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten. Neben den tradierten Lebensformen werden heute viele Strukturen akzeptiert, die vor wenigen Generationen noch völlig undenkbar waren.
Dies hat u.a. dazu geführt, dass das Alter der Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes inzwischen bei durchschnittlich 30 Jahren liegt und das der Väter bei 34 Jahren. Die Mutter ca. jedes 20. Neugeborenen ist 40 Jahre oder älter.

Das mit dem Kinderwunsch ist so eine Sache. Viele Menschen hätten gerne ein Kind, vielleicht.
Aber irgendwie ist der richtige Zeitpunkt nie da:
Gerade erst den Job gewechselt – vielleicht doch noch ein Aufbaustudium?
Irgendwann nähert sich die Frau dem 40. Geburtstag. Ist das noch ein guter Zeitpunkt für eine Familiengründung?

Durchorganisiert wird heute alles – Freizeit, Karriere und Partnerschaft. Eine Schwangerschaft zu planen bedeutet aber nicht nur, dass das Paar dem Kind ein gutes Zuhause bieten kann.
Die Frage ist: Wie verrückt müssen wir uns machen bzw. machen lassen, wenn es nicht klappt wie geplant bzw. gewünscht?
Wissen um die naturgesetzlichen Rahmenbedingungen und das Vertrauen in die eigene Kraft können helfen, wenn biologische Fakten den persönlichen Wünschen entgegenstehen.

Wenn klar wird, dass der Kinderwunsch sich ohne medizintechnische Hilfe nicht erfüllen lässt, tauchen neben den praktischen Fragen zu Technik, Finanzierung etc. auch die Fragen nach Sicherheit bzw. Risiken und Verantwortungen auf.

Ist nach allem Bemühen das Wunschkind nicht gekommen, geht das Leben weiter – doch wie? Die Frau – der Mann – das Paar wollen eine neue Orientierung, neue Ziele, einen neuen Lebensinhalt.

 

Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben – aber es hat nur ganz genau so viel Sinn, als wir selbst ihm zu geben imstande sind.

Hermann Hesse

 

 Familienplanung 1

 

Während der Beginn der körperlichen Reifung sich inzwischen immer früher einstellt, werden verbindliche Partnerschaften immer später oder gar nicht geschlossen. Dies hat unter anderem die Folge, dass auch der Kinderwunsch sich erst später konkretisiert, möglicherweise mit der Konsequenz, dass er sich nicht mehr erfüllt. Während von den jungen Menschen im Alter von 22 bis 25 Jahren lediglich 8% später keine Kinder haben möchten, beantworten 67% die Frage „Möchtest du später Kinder haben?“ mit „ja“ (Shell-Studie 2019). Von den Frauen ab 70 Jahren sind heute 11% kinderlos, von den Männern dieser Altersgruppe 10%. Frauen im Alter zwischen 50 und 59 Jahren sind zu 17% kinderlos, Männer zu 25%. Das bedeutet, dass die Gruppe der Kinderlosen von Generation zu Generation zunimmt (BMFSFJ, 2014).

Tradierte Rollenzuweisungen verlieren an Attraktivität, sie können sich zum lebenslangen wirtschaftlichen Risiko entwickeln. Doch nicht nur der Verlust des Lebensstandards stellt eine Bedrohung dar. Lebenslange Verbindlichkeiten gegenüber anderen Menschen mit der geforderten und auch oft selbst gewünschten Flexibilität zur Lebens- und Karriereplanung in einer Partnerschaft oder Familie zu verbinden, entpuppen sich nur allzu oft als unlösbare Aufgabe. Vielleicht sind sie bei der heutigen Lebenserwartung auch gar kein erstrebenswertes Ideal mehr?

 

Die Identifikation mit einem tradierten Rollenbild kann sogar zu einer gestörten Selbstwahrnehmung führen. So kann sie z.B. für „Mannsbilder“ die Ausreifung einer differenzierten Emotionalität beeinträchtigen: „Ein Indianer weint nicht“ – dabei gibt es kaum etwas, das stärker verbindet, als gemeinsames Weinen

Cord Benecke

 

Familienplanung 2

 

Sein eigenes Ich zu entwickeln und zu stärken, das sollte Lebensaufgabe für jeden Menschen sein, egal ob er alleine lebt oder in einer Partnerschaft, kinderlos ist oder Kinder hat.

Kein Mensch sollte am Ende seines Lebens zu sich sagen müssen: wir werden als Originale geboren, sterben aber als Kopien (Edward Young, zit. Nach Arno Gruen).

Die Suche nach Vorbildern ist bei der Gestaltung des eigenen Lebensweges gewiss eine gute Möglichkeit zur Orientierung. Biografien starker Persönlichkeiten können dabei helfen. Ein Ziel sollte aber nicht aus den Augen verloren werden: sich selbst als Individuum mit eigenen Lebenskonzepten zu entwickeln. Es lohnt sich, früh darüber nachzudenken, welche eigenen Ressourcen zur Verfügung stehen, und zwar auf jeder Ebene: körperlich, wirtschaftlich, familiär etc. Eigene Ziele sollten realistisch und in überschaubaren Etappen erreichbar sein. Also kleine Ziele setzen und versuchen sie zu erreichen. Dann die nächsten Schritte in Angriff nehmen. Erwartungen der Familie sowie Vorgaben durch Schule, Ausbildung und Arbeitsplatz gilt es zu reflektieren bevor sie übernommen werden - oder auch nicht. Manche Abstriche an das eigene Wohl können sich bitter rächen, wie zum Beispiel ein zeitaufwändiger und kräftezehrender beruflicher Einsatz anderen zuliebe.

Gute Ratschläge sollten immer kritisch hinterfragt werden, manchmal ist „gut gemeint“ leider das Gegenteil von „gut“. Menschen, die nicht primär das Wohl ihres Gegenüber im Auge haben, sollten als Ratgeber gemieden werden, da sie möglicherweise von den angestrebten Lebenszielen eher entfernen, als diese näher bringen. Es lohnt sich, die Modelle, die über tradierte Rollenbilder sowie Influencer und andere Bilder aus den sozialen Medien vorgestellt werden, einmal ohne Einschränkungen in das eigene Leben zu projizieren:

Welche Dauerserie könnte auch bei uns zu Hause spielen? Wäre meine Frau mit dem Titelhelden ihrer Lieblingsserie wirklich glücklich? Welcher Fußballspieler wäre wirklich ein besserer Vater als ich?
Oder:
Wäre mein Mann mit der Titelheldin seiner Lieblingsserie wirklich glücklich? Welche Politikerin würde unseren Haushalt wirklich besser organisieren als wir?

Realität und Wünsche sind fein säuberlich zu trennen. Nur dann kann in Ruhe gemeinsam geträumt werden, ohne die Notwendigkeit, das eigene Leben und den eigenen Körper utopischen Bildern anzupassen.

Es ist schön und wichtig, vertrauenswürdige und kompetente Menschen an unserer Seite zu haben, die uns auf unserem Weg durch den Dschungel der Möglichkeiten begleiten.

 

Eine Form zu finden, die sich mit dem Inhalt deckt.

Käthe Kollwitz